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Spinx:
Mordfall Kaspar Hauser
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12.08.2003
Rätselhafte Herkunft
Suche nach der Identität
Der Druck der Öffentlichkeit steigt, endlich Licht ins Dunkel der wahren Existenz Kaspar Hausers zu bringen. Manche halten den Jungen nur für einen gewitzten Betrüger, der eine ganze Stadt und seinen Magistrat zum Narren hält. Der Gerichtspräsident Anselm von Feuerbach nimmt sich des Falles an.
Feuerbach unterzieht den Gefangenen einer Anzahl kleinerer Versuche und schon bald steht für ihn Folgendes eindeutig fest: Kaspar ist nicht nur kein Betrüger, er ist – so notiert Feuerbach – »weder in Blödsinn noch in Wahnsinn verfallen. Seine Seele, und auch manche seiner Sinne scheinen in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählich erwachend den Außendingen sich zu öffnen.«.
Eindeutige Spur nach Baden
Feuerbach ist der oberste Kriminologe des Königreichs Bayern. Seine Aufzeichnung über Kaspar mit dem Titel: »Verbrechen am Seelenleben des Menschen« wird das erste grundlegende Werk über den Findling, die Erstauflage erscheint 1832. Feuerbach geht den Gerüchten um Kaspars adelige Abstammung nach. Warum wird Kaspar von niemandem vermisst? Und er folgert, »… dass ein verschlepptes Kind nur dann nicht als verschollen gilt, wenn es für tot gehalten wird. Will man also Kaspars wahre Identität herausfinden, so muss man ihn unter den Verstorbenen suchen.«
Feuerbach ahnt ein entsetzliches Verbrechen: Kaspar wird in der Wiege mit einem todkranken Kind heimlich vertauscht, das kurz darauf stirbt. Feuerbach geht zurück bis in das Jahr von Kaspars Geburt, 1812, und forscht in den Stammbüchern aller europäischer Fürstenhäuser nach Fällen von Kindstod. Eine eindeutige Spur führt nach Baden. In Karlsruhe regiert seit Generationen das Geschlecht der Zähringer das wohlhabende Großherzogtum.
Am 29. September 1812 wird im Schloss zu Karlsruhe ein Junge geboren. Es ist eine komplizierte Geburt. Die Großherzogin von Baden, Fürstin Stephanie de Beauharnais, erholt sich nur langsam. Die Freude über den Erbprinz von Baden, Stammhalter und künftiger Thronfolger seines Vaters, Großherzog Karl von Baden, ist groß. Nur wenige Wochen nach seiner Geburt, in der Nacht des 16. Oktobers, erkrankt das Kind unerwartet. Die herbeigerufenen Hofärzte sind machtlos, der Säugling stirbt. Ursache unbekannt. Baden ist wieder ohne Thronfolger.
Noch in der selben Nacht bewegt sich der Trauerzug nach Pforzheim zur Familiengruft in der Schlosskirche von Sankt Michael. Hier werden seit dreihundert Jahren alle Angehörigen aus der Zähringer-Linie dieses Fürstenhauses zur letzten Ruhe gebettet. Auch der Kindersarg des namenlos getauften Sohns steht hier aufgebahrt. Doch liegt darin auch wirklich der Thronfolger? Nein! So die Antwort Feuerbachs. Nicht der Erbprinz sei gestorben und liege hier begraben, sondern ein heimlich untergeschobenes, sterbenskrankes Kind. Wer könnte dieses andere Kind gewesen sein? Die Lösung des Geheimnisses ruht in dieser Gruft. Aber der Zutritt dazu wird vom Hause Baden bis heute niemanden gewährt.
Verdacht eines Erbfolgestreits
Die Suche nach der Identität des fremden Kindes führt ins Generallandesarchiv nach Karlsruhe. Hier werden alle Geburten, Taufen, Eheschließungen und Sterbefälle Badens seit Hunderten von Jahren gesammelt und aufbewahrt. Stimmt die Theorie vom vertauschten Prinz, dann gibt es einen Jungen, gleichaltrig mit dem Prinzen, dessen Eltern in Beziehung zum Karlsruher Hof gestanden haben. In den Geburtenregistern der Jahrgänge ab 1812 findet sich ein Kind: »Johann Ernst Jakob Blochmann, im Jahre 1812 in hiesiger großherzoglicher Residenzstadt Carlsruhe in der Gemeinde Klein Carlsruhe geboren«. Das genaue Geburtsdatum lautet auf den 26. September – drei Tage vor der Geburt des Prinzen im Karlsruher Schloss. Der Vater war Arbeiter bei Hofe und stand im Dienst einer gewissen Gräfin Luise Karoline von Hochberg. Ein Blick auf die Familiengeschichte des Haus Baden untermauert den Verdacht eines Erbfolgestreits.
Ein eindeutiges Motiv hat die ehrgeizige Gräfin Hochberg: Ihre Ehe als zweite Frau des Markgrafen Carl Friedrich ist nicht standesgemäß. Folglich hatten Ihre Söhne keinen Anspruch auf den Thron. Das ist allein den männlichen Nachkommen aus der ersten Ehe des Markgrafen vorbehalten. Es sei denn, diese Nachkommen der ersten Linie stürben. Und tatsächlich, alle männlichen Erbfolgeberechtigten der linken, der Zähringer-Linie sterben: sieben Tote aus vier Generationen. Damit ist der Weg frei für die Hochberg-Linie und ihren Sohn Leopold.
Spuren am Rhein
Entdeckungen im Schloss Beuggen
Auf Vermittlung von Anselm von Feuerbach wird Kaspar Hauser zunächst auf die Insel Schütt zu Georg Friedrich Daumer gebracht. Daumer möchte mehr über die Vergangenheit des Findelkindes herausfinden.
Georg Friedrich Daumer ist Privatgelehrter. Unter seiner Obhut lernt Kaspar lesen und schreiben. Daumer ist überrascht von Kaspars Wissensdurst, seine schnelle Auffassungsgabe ist verblüffend. Was andere in Jahren lernen, erreicht er in Tagen. Besonders unerklärbar ist die gestochen klare und feine Handschrift des Schülers.
Außergewöhnliche Fähigkeiten
Nur seine Liebe für das Malen übertrifft Kaspars Eifer und Fleiß beim Lernen. Schnell erlernt er den Umgang mit der Technik und seine Bilder zeugen von einer tiefen Empfindsamkeit. Kaspars auffallendes Talent gilt als ein Indiz für eine vornehme Abstammung. Noch andere Eigenschaften entdeckt der Lehrer an seinem Schüler. Daumer beschreibt dessen außergewöhnliche Fähigkeit, selbst in der Nacht noch Farben sehen zu können. Das könnte ein Beweis für die lange Kerkerhaft und die Gewöhnung der Augen an die Dunkelheit sein.
Auch 1829, ein Jahr lebt Kaspar Hauser nun in Freiheit, weiß niemand, wer er ist und woher er kommt. Kaspars Erinnerungen sind wie ausgelöscht. Doch nachts, in seinen Träumen, drängt Verschüttetes nach oben. Alle Neuigkeiten über das im Dunkeln liegende Vorleben des 17-Jährigen werden begierig aufgenommen. Sein Vormund schreibt, »vor längerer Zeit träumte ihm von einem Wappen, was er im Traum oberhalb der Türe eines großen Hauses gesehen habe. Er machte sogleich eine Zeichnung.« Im Garten des Schlosses Beuggen am Hochrhein zwischen Basel und Waldshut gibt es über der Tür des abseitsgelegen Teehauses dieses Wappen.
Seit 1806 ist das Schloss im Besitz des Markgrafen von Baden, der es seiner zweiten Frau, Gräfin Hochberg, schenkte. Kaspar zeichnete übereinstimmend mit dem Original: die Krone, die Streifen links unten und das Löwentier rechts, die gekreuzten Schwerter und die Mittelachse bestehend aus einem Zepter. Das gezeichnete Wappen und Beuggen liegen am Rhein. Da, wo 1816 die Flaschenpost mit dem rätselhaften Inhalt gefunden wurde, der besagt, dass jemand hier gefangen gehalten wird. Denkbar also, dass die Flasche stromabwärts schwamm, bis hinter Basel, wo sie ein Fischer fand. Alte Karten und Chroniken beweisen, dass der Rhein schon damals in unmittelbarer Nähe an den Gebäuden und am Schloss vorbeifloss.
Über Jahre hinweg menschenleer
Als in Beuggen 1815 Typhus ausbrach, verließen alle fluchtartig das Anwesen und es blieb über Jahre hinweg menschenleer. Es ist denkbar, dass Kaspar Hauser in den Jahren nach 1815 in Schloss Beuggen gewesen ist. Dazu gibt es verschiedene Theorien, die einen sagen er ist in relativer Freiheit hier rumgesprungen. Andere sagen, er sei in einem Raum hinter zwei Fenstern gewesen. Der Raum ist von der Kellerseite her nicht zugänglich, es könnte eine Art Verlies für Kaspar Hauser gewesen sein. Bislang verboten Denkmalschutzauflagen eine Öffnung des historischen Gemäuers, doch das Landesamt für Denkmalschutz hat die Genehmigung erteilt. Niemand weiß, wann der Kellerraum zuletzt betreten wurde.
Gibt es Hinweise auf den Aufenthalt von Menschen, von Kaspar Hauser? Auf einem Balken, in etwa 50 Zentimetern Höhe gibt es eine Rötelzeichnung eines Pferdes. Der Körper ist 15 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. Der Kopf hat Augen, Maul und Mähne, die Füße sind bloße Striche wie bei einer Kinderzeichnung. Dies erhärtet den Verdacht, dass Kaspar Hauser hier gewesen sein könnte, denn aus Kaspars Aufzeichnungen geht hervor, dass er zwei Holzpferdchen und einen kleinen hölzernen Hund besaß. Vier Jahre soll Kaspar hier gefangen gewesen sein. In der Wiege vertauscht, lebte er die ersten drei Jahre in Karlsruhe, kam dann nach Schloss Beuggen. Hier könnte er vier Jahre seiner Kindheit verbracht haben, bis seine Odyssee mit unbekanntem Ziel weiterging.
Versteck im Wasserschloss
Zehn Jahre im Verlies
Mehr und mehr lernt Kaspar Hauser über die alltäglichen Dinge. Langsam bildet sich sein Bewusstsein heraus, die Vorstellung vom eigenem Ich. Nur, wer ist dieses Ich? »Wer bist Du Kaspar Hauser?« Eine Frage, die er sich selbst stellt und auf deren Antwort alle warten.
Kaspar Hausers romantische Reime
Ein Jahr nach seinem ersten Auftauchen als ungebildetes Kind schreibt Kaspar folgende Reime: »Mein erstes Jahr begrüß ich heut / In Dank und Liebe hocherfreut, / Von vieler Noth und Last gedrückt, / Von heute an genieß ich was mein Herz entzückt«. Zeugnis einer empfindsamen Seele oder bloß Echo der damals vorherrschenden romantischen Stimmung? Nachts träumt er von seiner Herkunft, ein Traum kehrt immer wieder: Ein kleiner Junge läuft durch lange Gänge mit hohen Fenstern und hellen Lichtern, geführt von einer schönen Frau. An den Wänden hängen Bilder, Männer mit eisernen Kleidern, Helme und Rüstungen.
»Diese Geschichte von Kaspar Hauser will ich selber schreiben. Wie ich in dem Gefängnis gelebt habe, und beschreiben wie es ausgesehen hat…«
Besessener Chronist
Getrieben von den Rätseln seiner Abstammung, entwickelt sich Kaspar vom vormals stummen Sonderling zum besessenen Chronisten. 1829, mit 17, stellt er bereits die erste Reinfassung seiner Autobiografie fertig. Seine Schilderungen sind präzise. Doch liefern sie den Ermittlern keine weiteren Hinweise auf Orte einer Gefangenschaft. Immer wieder schreibt er von seinen Holzpferdchen, seinen einzigen Gefährten in der Dunkelheit.
Erst im Jahre 1924 rückt ein neuer Ort in den Mittelpunkt der Kaspar-Hauser-Forschung. Pilsach, ein verfallenes Wasserschloss in der Oberpfalz. Noch heute liegt Schloss Pilsach abgelegen vom gleichnamigen Ort und durch einen großen Park vom Dorfleben getrennt. Das Anwesen hatte im Laufe der Jahre mehrere Besitzer. Im Juli 1924 entdeckte die Dichterin Klara Hofer ein Verlies, einen niedrigen Raum, eingebaut als nicht erkennbares Zwischengeschoss zwischen Parterre und erstem Stock. Ein geniales Versteck: von außen fast nicht zu erkennen, durch zwei Meter dickes Mauerwerk lautlos von allem abgeschirmt. Der Zugang zum Verlies liegt heute im ersten Stock. Durch eine etwa 80 Zentimeter hohe Türöffnung gelangt man in den eigentlichen Kerkerraum: 4 Meter 30 lang, zwei ein halb Meter breit und 1 Meter 65 hoch. Einzige Lichtquelle ist das winzige Fenster, versperrt durch ein markantes Eisengitter. Ein Eisengitter, wie eine Blüte aus Kaspars Zeichnungen.
Dieses Spielzeugpferd wurde in dem Verlies gefunden
Erstaunlicher Fund
Bei der Renovierung 1982 macht der jetzige Besitzer des Schlosses einen erstaunlichen Fund. Hinter der Treppe zum Zwischengeschoss entdeckt er im Schutt ein Spielzeugpferd, das in vielen Details dem entspricht, was Kaspar Hauser überliefert hat. Ist das die Vorlage für die in Schloss Beuggen gefundene Pferdezeichnung? Oder nur ein Zufall? Nach Meinung der Hauser-Forschung soll Kaspar zehn Jahre hier eingesperrt gewesen sein - im Alter von sechs bis sechzehn Jahren. Zehn Jahre, in denen ein Kind wächst, neue Kleider braucht, essen und trinken muss.
»Der Mann hob mich auf, nahm mich unter den beiden Armen, und lehrte mir das Gehen. Und wie ich zu gehen anfangen sollte, schob er mit seinen Füßen die meinigen fort, um mir begreiflich zu machen, wie ich's machen sollte.«
Wer kümmerte sich um ihn? In Kaspars Erinnerung ist da niemand. Er hatte hat nie einen Menschen gesehen, auch niemals einen gehört. Kaspar erinnert sich nur, wie seine Kerkerhaft eines Tages plötzlich endet. Ein Mann kommt, um mit ihm das Schreiben seines Namens zu üben. Kaspar Hauser. Woher der Name stammt, bleibt ein Geheimnis. Der unbekannte Bewacher schleppt ihn aus dem Verlies, bringt ihm das Gehen bei und schickt ihn los.
Gewalt gegen Kaspar
Das zweite Attentat endet tödlich
Kaspar Hausers Niederschrift seiner wenigen, aber sehr klaren Erinnerungen an die Kerkerzeit werden bereits zu Lebzeiten veröffentlicht und heftig diskutiert. Die Situation zwischen Verfechtern und Gegnern der Prinzentheorie spitzt sich zu. Die Aggression richtet sich mit Gewalt auch gegen Kaspar selbst.
An einem Samstag im Oktober 1829, knapp 17 Monate nach seinem Auftauchen in Nürnberg, verschafft sich ein Unbekannter Zugang in das Wohnhaus des Lehrers Daumer, der Hauser unterrichtet, und begeht ein Attentat auf Kaspar Hauser.
Niemand bemerkt etwas. Es gibt keine Zeugen. Kaspar kann nur eine Zeichnung der Tatwaffe anfertigen. Die Nachricht von dem missglückten Mord verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Welche Kreise haben ein so großes Interesse an Kaspars Tod? Auffällig ist, welch große Anteilnahme der bayerische König Ludwig I. am Schicksal des Findlings hat. Er lässt Hauser eine »polizeiliche Schutzwache« zuteilen und setzt 500 Gulden als Belohnung für die Ergreifung des Täters aus.
Agent aus dem Hause Baden?
Am Tag des Attentats taucht erstmals eine neue, rätselhafte Figur in Nürnberg auf. Ein hoher Gast aus England: Philip Henry der Vierte Lord Stanhope. Ein Diplomat in besonderer, geheimer Mission. Stanhope, Spross einer verarmten Adelsfamilie, finanziert sich – wie man heute weiß – durch Wechsel, die auf Badische Bankhäuser ausgestellt werden. Er gilt als Agent Badens, sein Auftrag: die Spur Kaspars Herkunft zu zerstreuen, die Fährte weg von Karlsruhe zu lenken. Die beiden treffen aber erst am 28. Mai 1831 aufeinander.
Kaspar, von seinem Lehrer Daumer streng und bescheiden erzogen, erfährt durch Lord Stanhope erstmals eine für ihn unbekannte, völlig neue Welt. Der englische Lord gibt Unsummen für Kaspar aus schenkt ihm Ringe, Uhren, teuere Kleider. Dem ahnungslosen Kaspar gefällt seine Verwandlung vom Wolfskind zum Adligen und schnell passt er sich seiner neuen Rolle an. Zwischen Kaspar und Lord Stanhope entwickelt sich ein inniges Verhältnis. Man tuschelt, der Ältere empfinde mehr als nur väterliche Gefühle für den schönen Jüngling und er bemüht sich, Kaspar mit nach England auf sein Familienschloss zu nehmen. Kaspar schreibt schwärmerische Liebesbriefe an seinen neuen Pflegevater, unterzeichnet mit: »Dein dich herzlich liebender Pflegesohn«. Im Januar 1832 reist der Lord plötzlich ab. Er verspricht Kaspar bald nach England zuholen, wird das Versprechen aber nie halten. Später wird er »seinen innig geliebten Adoptivsohn« als Betrüger beschimpfen.
Spielball im Machtkampf
Am Appellationsgericht in Ansbach tritt Kaspar eine Stelle als Aktenkopist an, auf Vermittlung seines einstigen Gönners, des Gerichtspräsidenten Anselm von Feuerbach. Feuerbach hat die Untersuchung des Falls Hauser nie ruhen lassen. Im Februar 1832 verfasst er ein vertrauliches Papier – »Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein?« – mit dem Ergebnis: »Kaspar ist der rechtmäßige Prinz von Baden.« Der brisante Inhalt wird bekannt. Eine politisch gefährliche Schlussfolgerung, die sich schließlich gegen den Urheber richtet: Völlig überraschend stirbt Anselm von Feuerbach am 29. Mai 1833 unter bis heute ungeklärten Umständen. Kaspar Hauser ist ein Spielball im Machtkampf der Fürstenhäuser und des Adels. Als »Armer Kaspar« ist er auf der anderen Seite zur Symbolfigur des radikalen Bürgertums gegen Fürstenarroganz und Willkürherrschaft geworden.
»Hauser wird es euch ganz genau erzählen können, wie ich aussehe, und woher ich bin. Dem Hauser die Mühe zu ersparen will ich es euch selber sagen, woher ich komme – von einem Fluss an der Bayerischen Grenze«
Am 14. Dezember 1833 wird Kaspar unter einem Vorwand in den Hofgarten von Ansbach gelockt. Ein Unbekannter Mann lauert ihm auf, spricht ihn an und versetzt ihm eine tödliche Stichwunde. Ein Bekennerbrief in Spiegelschrift wird gefunden, der mehr verschleiert als erhellt. Zwei Stunden nach dem Attentat beginnt die erste von insgesamt drei Vernehmungen am Sterbelager von Kaspar Hauser. Am 17. Dezember 1833 um 22.00 Uhr stirbt der »badische Prinz« an den Folgen des Attentats.
Titelheld Kaspar Hauser: die Schlussfolgerungen des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« von 1996 sind widerlegt
Prinz oder Betrüger?
Genalyse bringt neue Erkenntnisse
Die Ermordung Kaspar Hausers lassen die Spekulationen um seine rätselhaft Herkunft nicht verstummen. Seine Geschichte wird zur Legende, die Legende zum Mythos. DNA-Untersuchungen sollen die Wahrheit ans Licht bringen.
Wichtige Erbinformation: der Blutfleck auf Hausers Unterhose
Kaspars Kleidung wurde damals polizeilich beschlagnahmt und ist inzwischen ein Ausstellungsstück. Der 170 Jahre alte Blutfleck an der Unterhose birgt, wie man heute weiß, wichtige Erbinformation, die DNA. 1996 wird im Auftrag des Magazins »Der Spiegel« Stoff aus der Unterhose Kaspar Hausers herausgeschnitten und in zwei Gen-Labors untersucht. Durch den Vergleich der DNA-Strukturen kann eine bestehende Verwandtschaft noch über Generationen hinweg nachgewiesen werden. Dazu wird Blut von den direkten Nachkommen des Hauses Baden mit dem der Unterhose verglichen. Besteht diese Blutsverwandtschaft, dann ist Kaspar der Prinz von Baden.
Zitat: »Das Ergebnis der Gesamtuntersuchung, der Vergleich ist, Kaspar ist nicht der Prinz von Baden. Das wird manche Leute enttäuschen, aber das ist ein eindeutiger Beweis.« Stefan Aust, Pressekonferenz Ansbach, 1996
Neue Untersuchungen
Am 25. November 1996 starb der Mythos Kaspar Hauser als Spiegel-Titelgeschichte »Der entzauberte Prinz«. Das Haus Baden war rehabilitiert. Doch der Spiegel-Beweis fußt auf einem einzigen Indiz: dem Blutfleck auf der Unterhose. An seiner Echtheit allein hängt die historische Wahrheit. Fünf Jahre nach dem Spiegelurteil über Kaspar Hauser, wird eine neue Untersuchung eingeleitet. Die wissenschaftlichen Methoden der DNA-Untersuchung haben sich inzwischen immens weiterentwickelt. Auch Schweiß und Haare liefern Erbinformation, die man heute erst entschlüsseln kann. Der Blutfleck auf der Unterhose kann so durch Parallelproben ergänzt und verglichen werden.
Analysequelle: Hauser-Locken aus privatem Nachlass
Aus unterschiedlichen Quellen werden insgesamt sechs Proben entnommen: Hut und Hose Kaspar Hausers und von seinen Haarlocken, zum Teil aus dem privaten Nachlass des Ansbacher Gerichtspräsidenten Feuerbach. Die Analyse dauert lang, die Ergebnisse werden im Labor sicherheitshalber mehrfach geprüft. Der genetische Code ist in allen sechs Proben der selbe. Nach 170 Jahren hat der in Nürnberg aufgetauchte und in Ansbach ermordete Junge zum ersten Mal seine genetische Identität preisgegeben. Wie verhält sich das Ergebnis zu dem des Nachrichtenmagazins? Wenn man den genetischen Code, der Kaspar Hauser zugeordnet wurde mit dem genetischen Code vergleicht, der aus den Blutflecken der Unterhose gewonnen wurde, sieht man gravierende Unterschiede an insgesamt sechs Positionen. Diese Blutflecken können also nicht von Kaspar Hauser herrühren. Die Folgerung des »Spiegel« ist damit widerlegt.
Bis auf eine einzige Stelle ist der DNA-Code Hausers identisch
Ausschluss unverantwortlich
War Kaspar also doch der Sohn Stephanie de Beauharnais und Erbprinz von Baden? Eine erneute DNA-Probe am »lebenden Objekt« soll Aufschluss geben. Astrid von Medinger ist in direkter Erbfolge mit Stephanie de Beauharnais verwandt. Wenn man den DNA-Code von Frau Medinger mit dem Kaspar Hauser zugeordneten Code vergleicht, finden sich in allen wesentlichen Positionen bis auf eine einzige Position Übereinstimmung. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es unverantwortlich einen Ausschluss zu formulieren, so dass immer noch die Möglichkeit besteht, dass Kaspar Hauser ein biologischer Verwandter zum Hause Baden ist.
Wer immer er wirklich war. Kaspar Hauser, genannt der Prinz von Baden, wurde ermordet. Nach den Gerüchten damals gab es für die Hochbergs genügend Gründe für einen Mord. Das Findelkind erschütterte zu Lebzeiten ein Fürstentum bis in die Grundmauern. Sein Schicksal hat Generationen nach ihm gerührt und hätte der Geschichte vielleicht eine ganz andere Richtung gegeben – als Prinz von Baden. Auf dem Friedhof von Ansbach hat Kaspar Hauser seine letzte Ruhe gefunden, im Alter von 21 Jahren.
Grabinschrift »Hier liegt Kaspar Hauser, / das Rätsel seiner Zeit, / von unbekannter Herkunft / und geheimnisvollem Tod.«
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