von sunny » 27. Jul 2010 09:45
Hier wird ja ganz klar das *Herz* der Johannesforschung beschrieben :
KOSMOGONIE
Siebenter Vortrag, Paris, 31. Mai 1906
Christentum spielt in der Geschichte der Menschheit eine einzigartige, einschneidende und wesentlichste Rolle. Es ist sozusagen das zentrale Moment, der springende Punkt zwischen der Involution und der Evolution. Und deshalb strahlt auch ein so glanzvolles Licht aus ihm hervor.
Nirgends aber glänzt dieses Licht so lebendig wie im Johannes-Evangelium.
Tatsächlich erscheint es hier allein in seiner ganzen Kraft.
Zweifellos sieht die zeitgenössische Theologie dieses Evangelium nicht so an. Vom historischen Gesichtspunkt aus betrachtet sie es als minderwertig, sozusagen als apokryph gegenüber den drei Synoptikern. Allein schon die Tatsache, daß man seine Entstehung dem zweiten Jahrhundert zugeschrieben hat, hat dazu geführt, daß die Theologen der kritischen Schule es als ein Werk der mystischen Poesie und der alexandrinischen Philosophie betrachten.
Ganz anders spricht die Geheimwissenschaft vom Johannes-Evangelium. Durch das ganze Mittelalter hindurch gab es eine Reihe von Bruderschaften, die in ihm ihr Ideal und die Hauptquelle der christlichen Wahrheit sahen. Diese Bruderschaften nannten sich Brüder des heiligen Johannes, die Albigenser, die Katharer, die Templer und die Rosenkreuzer. Sie alle betätigten sich in praktischem Okkultismus und beriefen sich auf dieses Evangelium als auf ihre Bibel, ihr Brevier. Man kann sogar annehmen, daß die Legende vom Gral, von Parsifal und von Lohengrin von diesen Bruderschaften ausgegangen ist und daß diese der populäre Ausdruck ihrer Geheimlehren war.
Alle diese verschiedenen, unter sich verwandten Orden haben sich selbst als die Vorläufer eines individuellen Christentums betrachtet, dessen Geheimnis sie besaßen und dessen volle Entfaltung küuftigen Zeiten vorbehalten war. Dieses Geheimnis fanden sie einzig und allein im Johannes-Evangelium. Sie fanden darin eine ewige Wahrheit, die sich allen Zeiten angleicht, eine Wahrheit, welche vom Grund aus die Seele neugestaltet, die es in ihr tiefstes Inneres aufnimmt. Man las das Johannes-Evangelium nicht wie ein literarisches Erzeugnis, sondern sah darin ein Mittel zur Einweihung. Um uns davon Rechenschaft zu geben, lassen wir die Frage seines historischen Wertes zunächst auf sich beruhen.
Die ersten vierzehn Verse dieses Evangeliums waren für die Rosenkreuzer Gegenstand einer täglichen Meditation und einer geistigen Übung. Man schrieb ihnen eine magische Wirkung zu, und diese haben sie in der Tat für den Okkultisten. Solcher Art war ihre Wirkung. Indem man sie täglich zur selben Stunde unermüdlich wiederholte, gelangte man dazu, im Traumbewußtsein die Vision von all den Ereignissen zu haben, die im Evangelium erzählt werden, und sie innerlich zu erleben.
Auf diese Weise bedeutet für die Rosenkreuzer das Leben des Christus die Auferstehung des Christus auf dem Grund jeder Seele durch die Geistesschau. Sie glaubten im übrigen gleicherweise an die innerlich-reale wie an die historische Existenz des Christus. Denn den inneren Christus erkennen, heißt zu gleicher Zeit auch den Christus erkennen, der äußerlich dagewesen ist.
Ein moderner materialistischer Geist könnte einwenden: Beweist die Tatsache, daß die Rosenkreuzer solche Träume hatten, auch die reale Existenz des Christus? - Darauf antwortet der Okkultist: Gäbe es nicht das Auge, um die Sonne zu sehen, so würde die Sonne nicht existieren; aber wenn es die Sonne am Himmel nicht gäbe, gäbe es ebensowenig ein Auge, um sie zu sehen. Denn die Sonne ist es, die das Auge im Laufe der Zeiten gebildet hat und die es geformt hat, um das Licht wahrzunehmen. So konnte der Rosenkreuzer sich sagen:
Das Johannes-Evangelium hat deinen inneren Sinn erweckt, aber ohne einen lebendigen Christus könntest du es nicht in dir leben lassen.
Die Wirkung des Christus Jesus kann nur in seiner vollen Tiefe erkannt werden, wenn man den Unterschied zwischen den antiken Mysterien und dem christlichen Mysterium erkennt.
Die antiken Mysterien vollzogen sich in den Tempelschulen. Die Eingeweihten waren Erweckte.
Sie lernten auf ihren Ätherleib zu wirken; sie waren alsdann «Zweimalgeborene», weil sie die Wahrheit auf zweierlei Art sehen konnten: unmittelbar durch den Traum und durch die astrale Vision, mittelbar durch Gefiihl und Logik.
Die Einweihung, die man durchmachte, bedeutete dreierlei: Leben, Tod und Auferstehung. Der Schüler brachte drei Tage im Grabe, in einem Sarkophag im Tempel, zu. Sein Geist war vom Körper befreit. Aber am dritten Tag kehrte sein Geist auf den Ruf des Hierophanten aus der Welt des Kosmos, wo er das Leben des Universums kennengelernt hatte, in seinen Körper zurück. Er war verwandelt und neugeboren. Die größten griechischen Schriftsteller haben mit Enthusiasmus und heiliger Ehrfurcht von diesen Mysterien gesprochen. Plato sagte sogar, daß nur ein Eingeweihter die Bezeichnung «Mensch» verdiene. Aber diese Einweihung findet in Wahrheit in dem Christus ihre Krönung. In Christus konzentriert sich die Einweihung des Gefühislebens, wie das Eis das verdichtete Wasser ist. Was man in den antiken Mysterien gesehen hatte, verwirklicht sich geschichtlich durch den Christus auf dem physischen Plan. Der Tod der Eingeweihten war nur ein partieller Tod in der Ätherwelt gewesen. Der Tod des Christus war ein vollständiger Tod auf dem physischen Plan.
Man kann die Auferweckung des Lazarus als ein Schwellenmotiv, als eine Art Übergang von der antiken zur christlichen Einweihung betrachten. Im Johannes-Evangelium erscheint Johannes selbst erst nach dem Bericht vom Tod des Lazarus. Der Jünger, den Jesus lieb hatte, ist auch der höchste Eingeweihte. Es ist derjenige, der durch Tod und Auferstehung gegangen und durch die Stimme des Christus selbst auferweckt worden ist. Johannes - das ist der nach seiner Einweihung aus dem Grabe erstandene Lazarus. Johannes hat den Tod des Christus erlebt. So ist der mystische Weg, den die Tiefen des Christentums enthüllen.
Die Hochzeit zu Kana, deren Bericht man gleichfalls in diesem Evangelium liest, umschließt eines der tiefen Geheimnisse der Geistesgeschichte der Menschheit. Es bezieht sich auf die Worte des Hermes:
Alles ist oben wie unten.