Die nachfolgende Betrachtung beschäftigt sich mit der Bedeutung des folgenden Zitats aus Steiners Einleitung:
"Aber nicht nur zu Erforschern der geistigen Welt soll der Beobachter des Übersinnlichen sprechen. Er muß seine Worte an alle Menschen richten. ... Und er spricht zu allen Menschen, weil ihm bekannt ist, daß es verschiedene Grade des Verständnisses für das gibt, was er zu sagen hat. Er weiß, daß auch solche, die noch weit entfernt von dem Augenblicke sind, in dem ihnen die eigene geistige Forschung erschlossen wird, ihm Verständnis entgegenbringen können. Denn das Gefühl und das Verständnis für die Wahrheit liegen in jedem Menschen. Und an dieses Verständnis, das in jeder gesunden Seele aufleuchten kann, wendet er sich zunächst. ... Dieses Gefühl, das vielleicht anfangs gar nichts sieht von dem, wovon zu ihm gesprochen wird, es ist selbst der Zauberer, der das «Auge des Geistes» aufschließt. In der Dunkelheit regt sich dieses Gefühl. Die Seele sieht nicht; aber durch dieses Gefühl wird sie erfaßt von der Macht der Wahrheit; und dann wird die Wahrheit nach und nach herankommen an die Seele und ihr den «höheren Sinn» öffnen."
Zunächst müssen wir uns die Frage stellen, was es eigentlich ist, daß uns Steiner von seinen "übersinnlichen Beobachtungen" mitteilen kann. Rein deskriptiv kann er nicht arbeiten, denn das wäre genau so sinnlos wie einem Blindgeborenen die Welt der Farben beschreiben zu wollen. Er muß sich also auf das rein Begriffliche beschränken, also auf Ideen und Begriffe, die er sich selbst an Hand seiner Beobachtungen gebildet hat. Anhand von Begriffen kann der Leser ein Verständnis entwickeln, weil ihm die gleiche Art des begrifflichen Verstehens auch im gewöhnlichen Bewußtseinszustand verfügbar ist. Aber was bedeutet hier der Apell an das Gefühl, das "sich im Dunklen regt"? Bildet so ein dunkles Fühlen nicht eher einen Gegensatz zum lichten Erkennen des Denkens?
Hier hilft uns nur die Methode weiter, die Rudolf Steiner als "seelische Beobachtung" in seinen philosophischen Schriften verfolgt hat. Wir müssen also lernen, selbst zu beobachten, wie Ideen in unserem Denken auftauchen und welche Erlebnisse damit verknüpft sind, und was das "Wahrheitserleben" (oft auch Evidenz genannt) eigentlich ist. Anknüpfen möchte ich hier an seinen Begriff der Intuition, wie er ihn in der Auflage von 1918 in der Philosophie der Freiheit verwendet hat. Intuition in diesem Sinne ist das erstmalige Aufleuchten einer neuen Idee in unserem Bewußtsein, das Erleben eine neuen Verstehens. Jeder Mensch, der sich auch nur im Geringsten innerlich um ein Erkennen bemüht, kennt solche Erlebnisse: "Blitzartig" leuchtete einem ein neuer Zusammenhang auf oder ein, geht einem im wahrsten Sinne des Wortes "ein Licht auf". Ein solches Erleben kann nicht erzwungen oder absichtlich herbeigeführt werden; oft hat man zuvor lange Zeit um die Lösung eines Erkenntnisproblems gerungen und sieht die dann Lösung plötzlich in seinem Bewußtsein aufleuchten, ohne daß man eigentlich weiß, wieso einem gerade in diesem Augenblick die Lösung "eingefallen" ist. Manchmal kann es auch von außen "getriggert" werden, vielleicht durch einen Satz in einem Buch, das wir gerade lesen, durch die Bemerkung eines anderen Menschen usw. Genaue Beobachtung zeigt aber euch in einem solchen Fall, daß wir da schon eine Disposition für diese Erkenntnis mitbringen müssen, sei es durch eigene vorherige Erkenntnisbemühungen oder vielleicht auch durch ein tiefes Interesse an dem Thema, das wir bereits in uns tragen.
Ein solches intuitives Erleben ist von numinoser Art, es ist eine Art des Ergriffenseins, die auch tief in unserem Fühlen resoniert. Die Wahrheit des Erkannten erscheint uns unmittelbar mit dem Erleben des geistigen Inhaltes verbürgt, sie muß nicht durch weitere Denkakte erst "bewiesen" werden (was auch in einen unendlichen Regress führen würde, denn auch die Wahrheit des beweisenden Denkaktes müßte ja wiederum durch einen weiteren Denkakt beweisen werden usf,). Und wenn man genau beobachtet, was uns eigentlich die Wahrheit des Erkannten verbürgt, so ist es neben der Durchsichtigkeit die Ergriffenheit im Fühlen, die uns überzeugt. Wenn wir diesem Gefühlserleben einen Namen geben wollen, so erscheint mir "Begeisterung" der einzig angemessene. Wir werden buchstäblich "vom Geist berührt".
Von den Philosophen der phänomenologischen Richtungen, die sich mit dem Evidenzerleben beschäftigt haben, wird die Gefühlsgrundlage des Evidenzerlebnisses zwar bestritten, aber das liegt in meinen Augen an mangelnder seelischer Beobachtungsfähigkeit - oder ist durch Vorurteile gegenüber dem ("dunklen") Gefühlsleben begründet.
Wenn Steiner den Leser in seinem "gesunden Wahrheitsgefühl" ansprechen und überzeugen möchte, dann kann er sich m. E. nur auf diesen Gefühlsaspekt des Evidenzerlebens beziehen. Allerdings stellt sich dieses Erleben nicht einfach ein, wenn man ein solches Buch liest wie jedes andere:
"Wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt, kann dieses nicht gelesen werden. In einer gewissen Beziehung wird von dem Leser jede Seite, ja mancher Satz erarbeitet werden müssen. Das ist mit Bewußtsein angestrebt worden. Denn nur so kann das Buch dem Leser werden, was es ihm werden soll. Wer es bloß durchliest, der wird es gar nicht gelesen haben. Seine Wahrheiten müssen erlebt werden. Geisteswissenschaft hat nur in diesem Sinne einen Wert." (aus den Vorworten)
Das "Erleben der Wahrheiten" kann nur von "intuitiver Art" im oben beschriebenen Sinne sein; es kann nicht erzwungen werden, aber wer sich nur genügend bemüht, wird früher oder später die jeweiligen Evidenzerlebnisse haben. Und nur als solche haben die Inhalte diese Buches einen Wert und in diesem Zusammenhang wird auch verständlich, wie solches Erleben dazu führen kann, die "Augen des Geistes" aufzuschließen: Ist doch schon das intuitive Erleben selbst ein "Berührtwerden vom Geiste", eine erste Stufe übersinnlichen Erlebens.
Evtl. werde ich diese Betrachtung in einem weiteren Beitrag noch fortsetzen.
